INTERVIEW mit Herr Dr. Steffen Würth, Präsident des Verbands deutscher Wellpappe

Dr. Würth, Geschäftsführer der Straub Verpackungen GmbH, ist Präsident des Verbands deutscher Wellpappe seit 2016.

Guten Tag, Herrn Dr. Würth. Letztes Jahr wurden Sie in Ihrem Amt bestätigt. Was waren seit ihrem Amtsantritt die großen Herausforderungen des Verbandes?

  • Dr. Würth: Guten Tag auch Ihnen, Herr Baumann. In den letzten zwei Jahren waren die großen Herausforderungen, die interne Bestandsaufnahme und die Aufgabenstellungen für die kommenden Jahre zu definieren. Wir haben festgestellt, dass der VDW, der wenige Jahre vor seinem 70jährigen Bestehen stand und zu einer wichtigen Institution im gesamten Branchen- und Industriespektrum geworden ist, gefangen war zwischen dem historischen Verständnis, was ein Verband für seine Mitglieder zu leisten hat, bis hin zur Außenwirkung. Wir orientieren uns heute besonders an den Bedürfnissen unserer Mitglieder, für die wir durch Serviceleistungen einen Mehrwert schaffen wollen, aber auch durch die Arbeit nach außen als Interessenvertretung. Der VDW ist mehr denn je in politische Prozesse involviert.

Was ist der Grund für Ihr politisches Engagement?

    • Dr. Würth: Die Diskussion Einweg versus Mehrweg führen wir seit dreißig Jahren, wobei wir der sympathische Gewinner sind, aber nicht wirklich der faktische, wenn man Ökobilanzen mit ins Kalkül zieht. In dieser Zeit geht viel gegen Plastik, weshalb wir sehr viel Aufwind für unser Produkt haben. Wir lesen in den verschiedenen Medien, dass man sehr unzufrieden ist über die Abfallflut. Deswegen sind wir, besonders Herr Dr. Wolfung und ich, in diesem Bereich aktiv geworden und haben eine Repräsentanz im politischen Berlin. Wenn es in Zukunft politische Diskussionen über Abfallgesetzgebung oder ähnliches gibt, möchte der VDW Informationen geben können. Wir wollen im politischen Prozess klarmachen, dass Wellpappe am Ende des Lifecircles eben kein Abfall ist und deshalb nicht in die Kategorie des Abfallgesetzes fällt.

Ich stelle immer wieder fest, dass viel Einwegplastik mit Luft verschickt wird. Damit meine ich die bekannten Luftkissenpolster im Karton. Für eine Verpackungsanalyse eines Kunden hatte ich ermittelt, dass er 20 Mio. Luftkissen jährlich einsetzt, was faktisch 250 LKW-Ladungen Luft sind, die herumfahren. Doch eigentlich wäre dies nicht nötig gewesen, denn die Verpackungen waren in der Regel viel zu groß. Kleiner Inhalt – riesengroßer Karton, wer kennt das nicht. Ich bin der Meinung, es sollte ein Gesetz geben, dass die Versender verpflichtet, max. 20% Luft im Karton verschicken zu dürfen. Das wäre nicht nur nachhaltiger, sondern auch wirtschaftlicher.

  • Dr. Würth: Wenn es ein Gesetz dazu gäbe, müsste dies kontrolliert werden. Deshalb wäre es besser, wenn wir unsere Denke von „Menge“ in Richtung „Qualität“ abändern. Wellpappe hat den Vorteil, dass wir die Verpackung passend für das Versandgut anfertigen können.

Zum Thema „Papierpreise“: Welche Tendenz des Papierpreises und der Mengenentwicklung bei Wellpappe prognostizieren Sie für 2019?

  • Dr. Würth: Fakt ist: In den vergangenen zwei Jahren haben wir eine Preiserhöhung erlebt, die ich noch nie erlebt habe. Preiserhöhungen in einer Massivität und in einem Zeitraum, der für uns als verarbeitende Industrie nicht händelbar war, bedingt dadurch, dass die Nachfrage gut war und die Rohstoffe knapp wurden. Außerdem gab es auch globale Gründe für den Preisanstieg. Die Prognosen für 2019 brillieren nicht mehr so, wie in den letzten zwei Jahren. Es war deutlich, dass wir auch als Exportnation von globalen Entwicklungen abhängen. Der Verlauf des Jahres 2019 hängt deshalb meiner Meinung nach von den geopolitischen Geschehnissen ab. Wenn wir von einer normalen Entwicklung ausgehen, haben wir in den ersten zwei Quartalen ein hohes Maß an Unsicherheit. Aber ich hoffe, dass wir nach einer leichten Schwächung am Anfang, zur Jahresmitte hin eine entsprechende horizontale Stabilisierung erfahren und somit insgesamt sicherlich ein leichtes Plus in 2019 verzeichnen können. Allein aus dem Grund heraus, weil ich nicht glaube, dass wir uns mengenmäßig negativ bewegen werden.

Wir bleiben also auf dem historischen Rekordniveau der Preise?

  • Dr. Würth: Leicht reduziert, ja.

Der Onlinehandel ist in den letzten 10 Jahren sehr stark gewachsen. Welche Auswirkungen hatte dies auf die Wellpappindustrie und wie bewerten Sie dies auch für die Zukunft?

  • Dr. Würth: Der Onlinehandel ist ein nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Geschäftes. Er ist als zusätzlicher Wachstumsmarkt dazugekommen. Das Verbraucherverhalten verändert sich nachhaltig, wir Menschen verändern unsere Lebensgewohnheiten. Die Wellpappe wird in diesem Gefüge eine große Rolle spielen. Allein aus logistischen Gründen. Deshalb wird Mehrweg immer unwahrscheinlicher.

Das glaube ich auch. Ich habe in meinem Blog über Einzelhandel- und Onlinehandelverpackungen geschrieben. Wenn ich etwas in den Einzelhandel platziere, wird es so verpackt, dass es schön aussieht und man es anfassen kann. Wenn ein Kunde etwas online bestellt, ist die Kaufentscheidung bereits getroffen und die Verpackung muss nicht mehr attraktiv aussehen. Der Fokus der Verpackung sollte dann auf einer optimalen Transportfähigkeit liegen, sodass bestenfalls kein weiterer Umkarton für den Versand benötigt wird. Gibt es da Anfragen an die Wellpappindustrie?

  • Dr. Würth: Nein, bisher nicht. Onlinehandel ist für uns in der Wellpappe das Geschäft der Transportverpackung. Es könnte aber irgendwann sein, dass ich im PC einen virtuellen Einkaufsladen brauche, wo ich die Dinge sehe, denn ich muss ja Assoziationen herstellen können. Da ist es mir auch egal, wenn es nicht in der Originalverpackung geliefert wird, sondern in einer praktischen, den logistischen Gegebenheiten entsprechenden Onlineverpackungen. Das kann Zukunftsmusik sein.

Ok. Bei meiner Arbeit kommt immer wieder ein weiteres Thema auf: Der VDW hat seit Jahrzehnten eine Sortenbezeichnung mit zu erreichenden Prüfwerten. Dennoch nutzen fast alle Hersteller ihre eigenen Bezeichnungen. Für den Kunden ist es dadurch schwer, die Angebote zu vergleichen. Wäre es nicht sinnvoll, die Mitglieder des Verbands dazu aufzufordern, die Sortenbezeichnung mit anzugeben, um mehr Transparenz zu schaffen?

  • Dr. Würth: Früher war das so, dass die Materialien und Qualitäten vorgeschrieben wurden. Wir sind heute auf einem Weg, wo es egal ist, was drin ist – es ist nur wichtig, den Wert zu erreichen. Hier jetzt Qualitätstransparenz herzustellen, ist wichtig und wünschenswert. Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Sobald man andere Begriffe nutzt, kann der Kunde es nicht mehr nachvollziehen und dann zählt am Schluss womöglich nur noch der Preis. Deshalb sollte man eine Struktur, ein System haben, wo man in allen Varianten Äpfel mit Äpfel und Birnen mit Birnen vergleicht.

Das höre ich gerne. Nun die letzte Frage, die sie fast schon in der ersten Frage beantwortet haben: Was ist Ihr persönliches Ziel für die Zukunft?

  • Dr. Würth: Ich möchte den VDW zukunftsfähig machen. Auf der Basis eines letztjährig 70 Jahre alten Verbandes, der mit Tradition, mit Kultur einhergeht, so arbeiten, dass wir auch den zukünftigen Verhältnissen standhalten können – im Inneren, wie im Äußeren. Ursprünglich wollte ich nur für zwei Jahre den Vorsitz übernehmen, bin jetzt in der zweiten Runde und falls ich die Aufgaben noch nicht abgeschlossen habe, schließe ich eine dritte Amtszeit nicht aus. Da dieser Verband für die Branche steht und da die Zukunft nicht mehr so einfach ist, wie sie früher war, möchte ich einen Verband hinterlassen, der genau diesen Herausforderungen bestehen kann. Dazu habe ich mit meinem Team einen guten Weg begonnen.

Das ist ein schönes Schlusswort. Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Würth.

  • Dr. Würth: Ich bedanke mich für Ihr Interesse.

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